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Kurzgeschichte von Alinka Anna


Sterne der Erinnerung

Unserer Mutter zuzuhören war für uns Kinder das Erlebnis überhaupt. Sie war eine faszinierende Erzählerin.
Für jede Lebenslage hatte sie ein passendes Buch, aus dem sie uns vorlas.

Vergangenes fing sie erst an aufzuschreiben als unser geliebter Vater starb.
Sie hinterließ uns die gemeinsamen Zeiten und Erinnerungen aus ihrem Leben.

Für ihr Tagebuch durfte ich das Vorwort schreiben:

‚ Sie berührt sein Bild, umhüllt es mit ihren zarten Händen, schaut es an, wie aus der Stille der Ewigkeit. Sie küsst das Bild jeden Morgen und streift vorsichtig über das geliebte Gesicht als würde sie sagen, du bist bei mir. Es entgeht ihr, dass die Morgensonne über ihr silbernes Haar streift. Die Wärme tut ihr gut. Der Sessel wird gerichtet, wo er früher immer saß, dort darf auch heute noch niemand sitzen. Es fällt ihr so schwer ohne ihn leben zu müssen. Sie versucht ihre Gedanken mit quälenden Fragen zu ordnen: Warte ich immer noch auf ihn oder wartet er schon auf mich? ‘

Erinnerungen aus dem Tagebuch unserer Mutter und Ehefrau. Gewidmet ihrem geliebten, verstorbenen Mann, unserem Vater:

„Die blumige Pracht des Frühlings wetteiferte mit der Schönheit der Vogelgesänge des Zaunkönigs mit seinen laut schmetternden, vielen harten Trillern. Die ersten Sonnenstrahlen luden zum Spazierengehen in der neugeborenen, wundervollen Natur ein. Eine gute Stunde war ich schon unterwegs als ein betagtes, herzlich gütiges Gesicht mich anlächelte. Wir sind gleichzeitig stehen geblieben. Seit 70 Jahren habe ich meine Herzens Jugendfreundin nicht gesehen. Ja sie ist es, ja du bist es, schrien wir beide gleichzeitig auf. Überglücklich, mit Tränen in den Augen hasteten wir zu einer Parkbank. Die Glückstränen sind schnell unserem Lachen gewichen.
Zuerst haben wir uns über das Internat geärgert und über Pädagogen hergezogen so, wie damals als wir noch beide die gleiche Schulbank drückten.

Liebste Freundin, wie auch du, ich hatte tausend Pläne für mein Leben nach dem Schulabschluss. Das Jahr 1941 sollte der schicksalhafte Anfang meines neuen Lebens werden.
Endlich das Internat hinter mir zu wissen, befreit, glücklich und übermütig nahm ich den Zug zu meinem Bruder. Hemmungslos, lebhaft schleuderte ich mein kleines Gepäck durch das Abtei Fenster als der Zug stoppte.
Endlich frei für das Leben.
Mein Bruder nahm mich als sein einziges und liebstes Schwesterherz mit überschwänglichem Gefühlsausbruch in Empfang.
Neben ihm stand ein sehr gut aussehender Mann, der auf mich ein bisschen scheu wirkte.
Der interessante Mann war der beste Freund meines Bruders und bereits in meinem Foto verliebt. Niemand hätte es ihm nehmen können, mich gleich bei der Ankunft zu begrüßen.
Ich hatte bis dahin keine Erfahrung mit Flirten, Kokettieren, daher nicht bemerkt, dass er mir zusehends den Hof machte. Nein, nicht mit Worten. Er hat für mich während des drei Kilometer langen Weges am Straßenrand wunderschöne Wiesenblumen gepflückt, mich formvollendet liebevoll zärtlich angeschaut und sich für meine Gesellschaft bedankt.
Zwei Tage später hat er bei meinem Bruder um meine Hand angehalten.

Wie du weißt, unsere Eltern starben als mein Bruder 4 und ich 2 Jahre alt war. Wir konnten uns an sie nicht mehr erinnern. Auch an unserem treuen Bernhardiner nicht, der sich von ihrem Grab nicht trennen wollte bis er abgemagert schließlich den Gnadentod bekam.
Alles was wir wissen, haben uns ehemalige Nachbarn später erzählt.

Liebes Glück, verlass bitte meinen Bruder und mich nie wieder! – Das waren meine innigsten Sehnsüchte und Wünsche.

Mein Bruder wurde eingezogen, kurz darauf gefallen. Den Schock konnte ich nicht verarbeiten, erkrankte ernsthaft.
Die Genesung dauerte 6 Monate. In der Zeit hat sich mein Verlobter rührend um mich gekümmert.
Niemandem sonst hätte ich lieber mein ‚JA‘ Wort gegeben. Im Jahr 1943 haben wir geheiratet.

Eine große weiße Wolke sollte mein Hochzeitskleid werden, auf dem die Engel meinen geliebten Bruder zu sich holten.

Liebste Freundin, die tragischen Umstände haben aus uns sehr schnell Erwachsene gemacht. Die ungetrübten Jahre waren vorbei.
Doch bald konnte ich meinem Mann eine freudige Botschaft mitteilen. Wir erwarteten unser erstes Kind.
Einen Tag nach meiner Offenbarung wurde mein Mann eingezogen. Wir waren schmerzerfüllt, am Boden zerstört.

Nach 9 Monaten hielt ich unser schönstes Geschenk mit großen blauen Augen in den Händen. Verzweifelt habe ich das Unmögliche versucht, zu telegrafieren. Alle Kräfte habe ich in meine Hoffnung gesteckt, ihn zu erreichen.
Die Frontpost war in langen Monaten davor komplett blockiert.
Schließlich war mein sehnlicher Wunsch in Erfüllung gegangen.
Der Kriegspfarrer bekam mein Telegramm und las ihm vor.
‚ Unsere wunderschöne Tochter ist auf der Welt, uns beiden geht es gut‘.
Wir schreiben Anfang Winter 1944. Unser blau äugiger Engel ist bereits ein und halb Monate alt, Weihnachten naht, von meinem Mann kein Lebenszeichen. Dass ihm etwas zugestoßen wäre, habe ich ausgeblendet. Ein Tag vor Heiligabend fing ich an sein Lieblingsgebäck zu backen. Ein tiefes, inneres Gefühl jagte und trieb mich zu glauben, dass er bald kommt. Mit unserem schlummernden Baby auf dem Arm schaute ich am Heiligabend durch das verschneite Küchenfenster und sah, dass ein ungepflegt wirkender Mann in zerrissenen Kleidungsstücken mit blutverschmiert bärtigem Gesicht das Haus näherte.
Himmel, lass es wahr sein!
Er stürmte mit letzter Kraft ins Haus, nahm unser Baby auf den Arm und drückte es wortlos zu sich, während die Freudentränen sein blutiges Gesicht bedeckten.
Heißes Badewasser habe ich für ihn eingelassen. Nach dem Bad rückte er das Babybettchen unter den Weihnachtsbaum. Unser Christkind schlummerte süß, er umarmte mich fest, wortlos, überglücklich.

Wir bekamen noch ein wunderschönes Mädchen. Zwei Tage vor Ankunft meines Mannes traf ich im Garten auf ein verzweifeltes Ehepaar mit deren kleinen 5-jährigen Tochter. Die grausigen Zeiten haben sie zur Flucht gezwungen. Mit ihrer Tochter Rachel hätten sie es nicht geschafft unter zu tauchen. Sie wandten sich an mich mit einer unglaublichen Vertrautheit. Ich nahm die kleine Rachel zu uns und versprach es ihnen, sie zu lieben und zu hüten bis sie sich irgendwann bei mir melden können. Unsere schicksalhafte Begegnung rettete das junge Ehepaar. Rachel haben wir tief ins Herz geschlossen. Ich habe es geliebt ihre langen Haare zum großen Zopf zu flechten, aus meinen Kleidern habe ich für sie in Eigenarbeit zuckersüße Garderobe genäht. Rachel wurde von ihren Eltern zwei Jahre später bei uns abgeholt. Wir wurden Freunde.
Die unerbittlichen Nachkriegsjahre haben harten Stempel auf unsere Gesundheit und Seele gedrückt. Die barbarische Diktatur hat wahllos Menschen abgeholt, totgeschlagen und am Straßenrand rausgeworfen. Viele Jahre lebten wir in ständiger Angst, selbst Opfer zu werden. Frauen und Kinder wurden auch nicht verschont.
Die unbarmherzigen Zeiten konnten wir nur mit unserer endlosen Liebe für und zueinander überwinden. Ein uneinnehmbares Felsgestein war unser Zusammenhalt, der ein Leben lang weiter Halt bot.

Wie ein heller Stern kündigte sich meine zweite Schwangerschaft an. Diesmal wurde es ein prächtiger Junge mit großen spitzbübischen Babyaugen, unser zweiter Sonnenschein.
Wie aus dem Nichts haben wir für unsere Kinder Lebensmittel gezaubert, mein Mann und ich waren unterernährt.
Die Kinder waren mittlerweile 6 und 2 Jahre alt. Wir arbeiteten bis zur Erschöpfung mit der großen Zuversicht, dass sich unser Leben zum Guten wendet.
Aus diesem Traum wurden wir im eisigen Februar gegen Mitternacht aufgeweckt. Mit Griffen von Maschinengewehren schlugen Kommando Helfer das Haustor ein und holten uns aus den Betten. Im Nachthemd ohne Schuhwerk trieben sie uns in den Kuhstall.
Meinen 2-jährigen kleinen Sohn durfte mein Mann auf die Arme nehmen, unserer Tochter wurde befohlen, Barfuß im eisigen Schnee zu laufen.
Wir wurden nicht umgebracht. Unser Haus wurde versiegelt, hinter uns das Stall Tor abgeriegelt. Die Kinder haben wir in die Futterkrippe gelegt, die Körperwärme und Atmung der Kühe hielt sie warm.
Die Nachricht hat sich in der Ortschaft schnell ausgebreitet. Tag später wurden wir darauf aufmerksam, dass der Boden unter dem großen Kuhstall Tor rausgekratzt wird, ja es bildete sich bald ein größeres Loch. Durch dieses Loch schoben uns Freunde, Bekannte kleingepackte Lebensmittel durch. Mein Mann hat die Kuh gemolken, so hatten wir etwas zum Trinken.
Nach 5 Tagen im Kuhstall durften wir raus. Ohne Kleidung, ohne Wärme, ohne Schuhe vollständig auf Zuwendungen angewiesen. In unser Haus durften wir nicht wieder zurück. Angeblich war das Haus größer als im politisch korrekten System der Bespitzelung und Schreckensherrschaft gestattet. Jeder Lump bekam Macht, wenn er sich nur politisch korrekt verhielt.

Für unser letztes Geld hat mein Mann ein Telegramm aufgegeben als er hörte, dass 90 Kilometer von uns entfernt ein Fachmann gesucht wird. Zitternd warteten wir auf die Rückantwort, die nicht kam.
Es stellte sich heraus, dass der Postmeister – ein Politspitzel – die ersten Rückantworte unterschlagen hatte. Schließlich hat uns die dritte Zusage erreicht.
Zur Position meines Mannes gehörte ein Diensthaus, ein großes Land als Gemüsegarten und ein Ackerfeld für den Anbau von Kartoffeln, Mais und Sonnenblumen. Wir durften Vieh halten.
Für die Kinder standen uns täglich 2 Liter Milch zu.
Endlich wieder ein Zuhause. Als Selbstversorger fehlte es uns an nichts.
Die harte Arbeit hat Früchte getragen. Unsere Speisekammer wurde propervoll. Wir konnten am Wochenende nachmittags ins Kino gehen oder mit der Pferdekutsche rausfahren, suchten Pilze und pflückten Walderdbeeren.
Das heruntergekommene große Diensthaus haben wir selbst renoviert und zu einer beschaulichen Puppenstube gezaubert. Der Gemüsegarten gedieh unter meinen Händen, auf den nahegelegenen Märkten waren meine angebauten Produkte gefragt.
Jede von uns hatte bis zu 16 Stunden Vollbeschäftigung pro Tag.

Unsere Kinder haben uns häufig mit Aufführungen in selbstkreierten Kostümen unterhalten. Sie haben das große Wohnzimmer komplett umgestaltet, ein Podest zurechtgezimmert, in perfektem Abstand uns zwei Stühle hingestellt und ihre Aufführung begann. Die Beiden haben Verse, Lieder, Geschichten einstudiert, uns Freude gemacht. Das Einzige, was nicht einstudiert wurde waren Witze, die ausschließlich von unserem Sohn vorgetragen wurden. Er war von klein auf der größte Witzeerzähler.

Trotz harter Arbeit, wir haben uns mit unseren Kindern immer beschäftigt und sie haben es uns auf ihrer Weise honoriert.
Ja, wir waren eine kleine verschworene Einheit. Nach 7 Jahren Neuanfang war unsere Zuversicht für die Zukunft endlos.
Jeden Tag schmiedeten wir Pläne für den Werdegang unserer Kinder und träumten von Glück und Gesundheit fürs Durchhalten.

Nach 7 Jahren erfolgreicher Arbeit meines Mannes hat ein ‚politisch Korrekter‘ meinem Mann gekündigt. Diese Leute waren allmächtig, Fachkenntnisse hatten sie in keinem Bereich der Wirtschaft. Aus Universitäten sind sie auf die Bevölkerung losgelassen worden und wüteten mit ihren dilettantischen Entscheidungen.
Wir waren entsetzt, standen schon wieder vor dem Nichts.
Als einzige Möglichkeit sah mein Mann die Führung eines total heruntergekommenen Betriebes zu übernehmen. Wir zogen um.
Das neue Diensthaus war ein altes Schloss Gebäude. Der Erdgeschossbereich Getreidelager und Werkstatt, vollgepackt mit Sensen und Sichel.
Die erste Etage war für uns vorgesehen. Wir haben renoviert und die neue Behausung bewohnbar gemacht. Zwei Katzen haben wir anschaffen müssen, die ständig vor unserer Tür Wache hielten, denn das Getreidelager zog die Mäuse an, wie Honig die Bären. Wir haben uns mit der Situation arrangieren müssen, schließlich ging es um unsere Kinder.
Mein Mann fing immer früh morgens um 4 Uhr an, ging zuerst nur kurz in die Küche. Wir hörten eines Morgens einen entsetzlichen Knall. Ein Etagenteil sackte ab und mein Mann landete zwischen zwei Sensen unten in der Werkstatt. Wie ein Wunder, außer ein paar Kratzen es war ihm nichts passiert.

Unsere Kinder gingen bereits aufs Gymnasium. Ihretwegen wollten wir so lange, wie nur möglich, dort durchhalten.

Es bot sich zwischenzeitlich eine wundersame Entwicklung an. Ein früheres Studienkolleg meines Mannes wurde für das Vergeben von freien Arbeitsstellen zuständig. Die Nachricht stand in der Zeitung.
Bald bekam mein Mann die erste würdige Arbeitsstelle 200 Kilometer entfernt.
Wir zogen um.
Das Diensthaus war ebenerdig und glich im Aussehen und Aufteilung einem schönen Landhaus-Bungalow. Ein großer schöner, noch ungepflegter Park umrandete das Haus.
Unter unseren Händen entwickelte sich das Gebäude schnell zu einem lichtdurchfluteten Musterhaus, rundherum habe ich einen mit Blumen und Sträuchern geschmückten Park angelegt, vis-a-vis großem Erdbeerenfeld. Unsere Tochter liebte es, sich auf einen kleinen Hocker mitten im Erdbeeren Feld zu setzen und die Pracht nur mit wenigen Handgriffen zu erreichen. Ihr Vater hat den Hocker schon Stunden vor ihrer Ankunft hingestellt. Natürlich hat sich unser Sohn auch immer bemüht rechtzeitig zu Hause zu sein. Jede von uns war nur dann glücklich, wenn wir zusammen waren. Dieses Gefühl hat uns entschädigt für alle Entbehrungen.

Eine glückliche Familie ist das Herz der Erde, die Hilfsbereitschaft untereinander ist das Hirn.
Ich wusste, was es auch immer kommen mag, mein Mann und ich haben den Grundstein dazu fest verankert.

Liebste Freundin, das Leben hat es mit mir gut gemeint.
Ein wunderbarer Ehemann, zwei liebe Kinder, die uns nur Freude gemacht haben. Trotzdem und das sage ich nur dir jetzt, fühlte ich mich im tiefen Inneren immer, wie zerlegt. Der frühe Verlust meiner Eltern, der grausige Vormund, die eisige Gefühlskälte des Internats, mein im Krieg gefallener Bruder an dem ich mich als Kleinkind immer klammern konnte; soll ich jetzt ehrlich sein? Diese Schicksale war ich trotz meiner intakten Familie nicht in der Lage hinter mir zu lassen und zu vergessen.
Mit zunehmendem Alter meiner Kinder merke ich, dass mein Verhalten ihnen gegenüber sich ändert, ich fand keinen Ausweg. Früher, mit 16 Stunden Arbeit konnte ich aus Müdigkeit diese Gefühle ausblenden. Als die Kinder aus dem Haus waren und mein Mann nicht mehr in aktiver Beschäftigung, meine früheren Schicksalsschläge haben alles Erreichte überspielt. Ich verzweifle manchmal über meine eigenen Ungerechtigkeiten.
Mein Mann war mein Fels und mein Leben. Ohne ihn bin ich jetzt hilflos. Was soll ich machen? Meine lieben Kinder wollen aber können meinen Mann nicht ersetzen. Er war und ist für mich viel mehr als es mir zu seiner Lebzeiten bewusst wurde.
Er war mein Ich.

Meine liebe Freundin, ich atme noch auf dieser Welt, aber ich lebe nicht mehr wirklich. Ich will nur noch zu ihm.“

Sechs Jahre nach dem Tod unseres Vaters schlief unsere geliebte Mutter ein.
In einer weißen Wolke umhüllt trugen die Engel sie zum Stern unseres Vaters.

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