Ohne Registrierung:
Formular nutzen unter Kontakt im Menü Kontakt
Auf Wunsch, nehmen wir mit euch Kontakt auf vor der Veröffentlichung.
Mit Registrierung:
Bitte, hier registrieren/anmelden

Kurzgeschichte von Alinka Anna
Copyright ©

Dunkler Tag, helle Nacht

Schelmisch frech zwinkerte mir das nahende Mondlicht zu als der verdunkelte Wagen die Stille unterbrach.

Was will die Limousine hier?

Bis jetzt war es unmöglich die Insassen auszumachen. Chauffeur mit Begleiterin stiegen aus und halfen einem bildschönen jungen Mann aus dem Wagen heraus. Einem Mann, den Frauen als Liebhaber kaum ablehen würden. Was für ein Anblick! Was für eine Grazie! Die Rampe wurde nach gespenstischen Minuten ausgefahren und das bildschöne Engelsgesicht nahm charmant auf seinem Rollstuhl Platz.

Ich starrte durch das Fenster und nahm die im Herbstnebel verschwommene Landschaft nicht mehr war. Meine Gedanken kreisten nur um das Engelsgesicht.
Der Rollstuhl bewegte sich zu meinem Haus, die Gartenblumen zeigten neugierig ihre zarten Blätter als würden sie mit ihrer vollen Pracht das Engelsgesicht anlächeln.

Ich habe dir Geschenke mitgebracht. Das Anwesen neben dir habe ich von meinem Doktorvater übernommen, ich bereite mich hier für meine Vorträge vor. Wir sind jetzt Nachbarn, komm mich bitte besuchen so oft wie du willst, hauchte er mir mit unwiderstehlicher Samtstimme entgegen.

Neugierde nach dem jungen Mann hat mich nicht getrieben. Ich war besessen. Sehnsüchtig flogen meine unwirklichsten Gedanken in seine Richtung und hungerte nach seiner Anwesenheit.

Noch nie leuchtete der Mond einladender, freundlicher, heller, noch nie war er mir so sehr nah. Alle Sorgen verschwanden. Die helle Nacht wurde meine untrügliche Welt. Vertane Lebenspläne, angegriffene Seele, Zukunft mit Fragezeichen haben mein Leben bis jetzt bestimmt.

Wie kann ich zu meinem Mond sprechen? Darf ich mir etwas wünschen? Gibt er mir ein Zeichen? Wann? Das helle, sorglose Leben war im Laufe der Jahre für mich ein unerreichbarer Traum, an dem ich mich trotz allem eisern festgehalten habe. Wie im Trance beobachtete ich Abend für Abend die hellsten Sterne und meinen magischen Mond. Sie waren meine ehrlichsten Freunde, die mir nie etwas versprochen haben und trotzdem als Ermunterung für mich leuchteten.
Lieber Mond, liebe Sterne, bitte euch um Hilfe. Ich bin einsam. Einsam mit wenig Hoffnung, einsam weil ich meine Einsamkeit verbergen will. In der dunklen Nacht suche ich nach meinem Stern, flehe den Mond an und warte auf Antworte: Warum? Wann? Wie?

Kommt die Antwort von meinem Engelsgesicht? Treibe ich mich nicht ins Ungewisse hinein? Wenn er mich ablehnt?

Eine reife Frau kann mit ihren Gedanken gut umgehen wenn sie will, nur mit ihrem Spiegelbild nicht. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als ihn in meine Arme zu nehmen, ihn küssen und liebkosen.
Ich schäme mich. So sehr wie ich es mir vorgenommen habe meine Triebhaftigkeit in Zaum zu halten, bremsen konnte ich mich, vergessen nicht. So vergingen seit unserer ersten Begegnung mehrere, ja lange Monate.

Die hereinbrechende Sommerhitze wurde fast unerträglich, so schlief ich im Garten mit den Sternen als Traumbegleiter und mit meinem Mond, der mich dämmernd in eine exotisch fremde Welt entführte:

Mitten in der Stadt glüht der Beton, die Straßen sind menschenleer, doch es scheint irgendwo Leben mit Musik nach außen zu hämmern.
Großer Kelch mit köstlichem Mix in verschiedenen Farben, Früchte, Säfte auf Eis wartet auf mich.
Als ich danke sagen will, spricht mich ein elegant gekleideter bildschöner junger Mann an und will wissen, ob ich seinen Pub näher kenne.
Auf meine zögerliche Antwort wartete er nicht, nahm meine Hand. Ich wurde machtlos, wie elektrisiert. Ein Gefühl der wohligen Ergebenheit floss über meine Blutbahnen. Es wurde mir heiß und kalt gleichzeitig.
Er bemerkte meine Wandlung und ließ seine Augen nicht von meinem Körper. Komm, wir machen nur ein paar Schritte, sagte er während seine kräftigen Arme meine Schulter umklammerten. Wir sind gleich oben.
Wortlos ließ ich mich von ihm führen und wartete mit glühenden Fantasien auf das Ungewisse. Er war zurückhaltend, respektvoll und höflich. Ich fühlte mich bei und mit ihm sicher, obwohl ich ganz genau wusste, dass diese Sicherheit keine war und keine Normen hatte.
Ich will dich, sagte er und doch tat er nicht so. Er saß mir gegenüber, bestellte uns von seinem Pub Champagner und Köstlichkeiten, ließ für mich mehrere Dutzend rote Rosen kommen.
Ab jetzt bist du Julie. Ich bestimme deine Arbeit, deine Freizeit, deine Freunde und dein neues Zuhause. Es wird dir an nichts fehlen. Komm her Julie, flüsterte er erregt. Er hielt mich an meinen langen Haaren fest und riss mein Kleid mit einer festen Bewegung vom Körper, nahm Platz auf den breiten Sessel und betrachtete mich wortlos. Seine Hände hielten meine Brüste immer fester, hoben meine Hüften hoch. Seine kräftigen Hände umklammerten mein Gesäß. Er gab den Takt vor.
Heiße Sonnenstrahlen durchwanderten den Raum und erhitzten meinen Rücken. Schweißperlen rollten auf meine Brüste, er sah mich genüsslich an, dann stand er plötzlich auf.
Julie, ich habe etwas zu erledigen, du wartest hier.
Erst jetzt habe ich die Fülle von lukullischen Genüssen wahrgenommen, die er für mich kommen ließ. Nach kurzer Zeit kam er wieder. Ich musste mich vor den großen Spiegel stellen, er warf edle Garderobe über meine Schulter und sagte leise: Julie, willkommen in dein neues Leben. Wir fahren jetzt zu dir.

Nichts mehr habe ich wahrgenommen, folgte wortlos. Er brachte mich in ein unbeschreiblich schönes Penthaus, ein Mehr an Luxus war unvorstellbar. Wintergarten mit Palmen und Pool, einzelne Räume größer als manche Wohnungen, das Bad glich einem Museum, leise Unterhaltungsmusik überall.
Meine Aufgaben schilderte er gleich, kurz und präzise:
Julie, vor deiner Tür ist ein ständiger Bodyguard, der dich überall hin begleiten und deine Einkäufe zahlen wird. Das Penthaus darfst du nie alleine verlassen, Wünsche werden auf Knopfdruck erfüllt. Nimm dieses Handy, damit du ständig mit mir verbunden bist.
Deine Gäste kommen auf Signal, sie haben bei mir schon bezahlt. Wenn sie darüber hinaus spendabel sind, steck alles in diese weiße Vase.
Kein Gast wird länger als 2 Stunden bei dir bleiben, außer den Speziellen vom Stahlhügel. Deinen Tagesplan sende ich einen Tag vorher per SMS. Julie, du wirst verwöhnt werden.

Es störte mich nicht, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen, auch nicht, dass ich vor der Tür einen Aufpasser hatte. Das Penthaus war so groß, wie ein Freizeitpark mit allen angenehmen Nebeneffekten. Der Bodyguard kümmerte sich um meine Bestellungen.
Den Rest des Tages verbrachte ich im Fitnessraum, den Abend am Pool und am gefüllten Kleiderschrank. Nein, es fehlte mir wirklich an gar nichts.
Für den kommenden Tag sind mir zwei Gäste mit Anleitung angekündigt worden. Vormittag um 11 ein ehemaliger Pilot gut aussehend, zu seinem Kummer schwach gebaut. Nachmittag um 15 ein bauchiger Bauunternehmer, der mit seiner kräftigen Statur gern protzt.
Die Anleitung war interessant. Kann ich mich auch gut genug auf die Beiden einstellen?
Pünktlich um 11 Uhr ertönt das vereinbarte Signal meines Bodyguards. Für den Empfang habe ich mich für ein durchsichtiges Etuikleid entschieden in zartem Pastell. Mein Pilot war begeistert. Er streichelte meinen Körper und fand erstaunliche Wege mich zu erregen, dabei gleichzeitig seine Lebensgeschichte zu erzählen. Das genügte ihm.
Ich fiel nach dem Abschied in einen erholsamen Schlaf und versuchte mir vorzustellen, was mein Nächster am Nachmittag anstellen wird.
Jede Vorstellung war fehl am Platz.
Er war laut aber witzig, aggressiv und sanft zugleich. Ich musste mich aufs breite Bett legen, stand darauf mich zu behandeln, als wäre ich eine leblose Puppe. Die Kommandos führte er selbst durch. Gefühle Null.
Zum Schluss füllte er die weiße Vase und ich war erleichtert, dass er nach einer Stunde schon ging.

Mein Aufpasser kümmerte sich zwischendurch um Besorgungen, ich ging schwimmen im Pool.
SMS Nachricht an Julie: Halte dich ab morgen bereit für den Gast aus dem Stahlhügel, er bleibt länger.
Diesmal hatte ich keine Anleitung. Fragen zu stellen war verboten, so fantasierte ich und stellte mir einen Stahlfabrikanten oder Stahlbaron vor.
„Mein“ Penthaus war perfekt isoliert in jeder Hinsicht. Lärm oder Krach waren unvorstellbar. Der schrille Ton einer Polizeisirene drang doch hinein, mit einem gleichzeitigen Signalton meines Aufpassers.
Vor mir stand ein blendend aussehender Mann mit Engelsgesicht, kurze dunkle Haare, 3-Tage Bart, Zähne wie Perlen, seine Augen grün-blau.
Was für ein Anblick! Er kam mir immer näher, lächelte mich unwiderstehlich an, streichelte meine noch ungekämmten langen Haare und bat mich, ihm die Räumlichkeiten zu zeigen. Er verschwand danach wortlos ins Bad, danach in der Sauna und zum Schwimmen.
Nach einer Stunde stand er erneut vor mir, Wasserperlen rollten seinem Bilderbuch Körper herunter. Bildhauer würden Schlange stehen, ein solches Exemplar zu verewigen.

Julie, ich hatte längere Zeit keine Frau, auf Freigänge verzichtet, mein Sex ist voller Durst.
Seine Augen sprühten vor Gier, der halb geöffnete Mund sendete erwartungsvolle Signale. Ihn anzusehen war, wie neu-geboren werden.

Lasst uns in den Wintergarten gehen, zu den Palmen vorm Spiegel.
Er stellte sich hinter mir, beobachtete mich im Spiegel, mit beiden Händen hielt er mich fest. Ich vergaß die Welt um mich.
Wenn Tag und Nacht verschmelzen, du schließt deine Augen und wartest auf immer mehr, dann heißt es Glück. Ich nahm ihn wie er mich nahm. Jede Bewegung, jede Geste fühlte sich nach perfekter Harmonie an.

Julie – unterbrach er meine Traumwelt – ich werde wahrscheinlich länger bleiben. Meine Geschäfte muss ich erst mal in Ordnung bringen.
Vor dem Stahlhügel hatte ich eine florierende Sicherheits-Firma. Ein bekannter Juwelier der inzwischen auch ein Pfandhaus betreibt bat mich, zwei Alukoffer Schmuck bei ihm abzuholen.
Per Handy wollte er mir nach dem Abholen mitteilen, wohin ich die beiden Koffer mit Schmuck transportieren sollte. Es kam kein Anruf. Nach fünf Minuten Fahrt stand ich mit meinem Sicherheitswagen vor einer Polizeisperre.
Der Juwelier hat behauptet, dass er mir 2 Koffer mit unechtem Schmuck und 2 Koffer mit echtem, hochwertigen Schmuck, Uhren, Edelsteine mitgegeben hat.
Er hat die Polizei gerufen und angegeben, dass er mir misstraut, die mögen doch bei mir kontrollieren. Die Polizei hat bei mir nur die zwei Koffer mit Modeschmuck vorgefunden. Mehr hatte ich auch nicht.
Niemand hat mir geglaubt. Ich wurde verurteilt und kam in den Stahlhügel.
Der Juwelier wusste, dass ich gestern entlassen wurde und rief die Polizei. Er hat Angst. Deshalb hast du die Sirenen gehört. Der Dreckskerl hat sich selbst bestohlen und die Versicherungsgelder kassiert. Damit hat er zweimal kassiert. Jetzt werde ich den Juwelier zum Bezahlen zwingen. Ich erledige alles auf meiner Weise.

Julie, mit dir ist es so, als würden wir uns schon ewig lange kennen und doch jede Stunde vom Neuen.
Bis jetzt habe dich nicht gefragt und wollte vielleicht auch nicht wissen, welches Leben du bis jetzt geführt hast. Ich verspreche es dir, in jeder Lage immer für dich da zu sein.

Ich genoss seine Worte und wünschte mir, niemals davon Gebrauch machen zu müssen. Nie hätte ich es zugelassen, dass ich einen Mann mit anderen Frauen teile und genau der Typ Mann war er. Er war einfach viel zu perfekt.
Die Alltage miteinander über Wochen führten zu keinen Streitigkeiten, wir hatten keine gemeinsame Verantwortung. Jede von uns war mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, jede nur für sich selbst verantwortlich. Alles, was uns verband war die genüssliche Oberfläche. Essen, Trinken, Genießen, Sexfantasien ausleben, ideal.
Er war aufmerksam, charmant, galant und ein atemberaubender Liebhaber. Seine Geschichten waren amüsant, faszinierend, wenn auch manchmal traurig. In den zehn Jahren Stahlhügel begegnete er viele Insassen, die ich jetzt durch sein Erzählen auch kennen gelernt habe. Ich registrierte den speziellen, ungewöhnlichen Zusammenhalt unter ihnen. Die Hierarchien im Stahlhügel existieren außerhalb des Stahlhügels sogar viel diffuser, unehrlicher, grausamer und Existenz bedrohlicher. Die sind nicht das ursprüngliche Produkt des Stahlhügels, sondern der Gesellschaft außerhalb.
Unehrlichkeiten, Lügen, Ungerechtigkeiten sind alles Produkte unserer verlogenen Gesellschaft, die auf den obersten Etagen ausgebrütet werden.

Jede Sekunde habe ich mit meinem Traummann genossen. Seine Gefühle, Berührung, sein Verlangen nach mir waren echt. Er war zärtlich, liebte meinen Körper, alles schien von und mit ihm, wie selbstverständlich. Wir taten uns gut und das wusste er. Zwei Menschen die nicht zusammen gehörten, aber einander verfallen waren.
Unser letzter gemeinsamer Tag war voll von Überraschungen. Er bat mich wie am ersten Tag, mit ihm in den Wintergarten zu gehen und mich vorm großen Spiegel hin zu stellen. Funkelnde Edelsteine umfassten das Collier das er mir angelegt hatte mit den Worten: Für dich. Julie, ich habe hier meinen Job erledigt, willst du mit mir kommen?

Ich habe ihn wortlos umarmt. Es gab keine Nacht mehr, nur noch eine unvorstellbar schöne Erinnerung. Ich werde ihn nie vergessen. Seinen Abschiedsbrief hat er in die weiße Vase gesteckt:

„ Julie, wenn es schneien wird, bist du der Schnee,
wenn es regnen wird, bist du Regentropfen,
du bleibst meine Sonne, meine Sehnsucht,
meine Erregung, mein Gefühl,
mein Wind, der mich zärtlich berührt,
meine Sehnsucht und großes Glück,
danke Julie, ich liebe jede Sekunde mit dir.“

Lebe wohl wunderbare Erinnerung, sagte ich leise und durchquerte die Räume nochmal zum einsamen Abschied. Ich war ganz sicher, dass wir beide im Stillen froh waren eine gemeinsame Zeit verbracht aber uns dann für immer verabschiedet zu haben. Wir waren uns einfach viel zu ähnlich.

Von meinem Entdecker habe ich mittlerweile schon seit zwei Tagen keinen SMS bekommen, eigenartig. Viele würden jetzt denken, ich war eingeschlossen und hörig. Das stimmte nicht. Ich hätte jederzeit rausgehen, aber auch nie wieder zurückkehren können.
Ich war über mein jetziges Leben im reinen, zufrieden und sorglos. Meine Wünsche wurden weites gehend befriedigt und erfüllt.

Nicht sehr spannend aber interessant meldete der SMS den Besuch meines Entdeckers. Ich war überrascht und freudig gestimmt, ihn nach längerer Zeit wieder zu sehen.
Er kam mit Geschenken und strahlte gut gelaunt.
Julie, ich lade dich ein. Wir fahren heute zum Autorennen, danach stelle ich dir interessante Leute vor. Am Abend gibt es Musical mit anschließendem Abendessen. Ich habe dir Haut Couture Garderobe zusammengestellt, hier sind die Pakete, alles gehört dir. Moment, hier, der passende Schmuck gehört dir auch. Ich will, dass du allen anderen die Show stielst. Bis wir fahren, haben wir noch vier Stunden Zeit.

Seine Augen funkelten besitzergreifend, sein gestählter, braun gebrannter Körper stellte sich mir entgegen. Ich umfasste seine Hüften und zog ihn aus. Mit gefühlvollen Bewegungen forderte ich ihn heraus. Der Reiz machte ich buchstäblich verrückt. Er rannte mich an, seine Begierde war nicht zu bremsen. Meine langen Beine umklammerten ihn, was für ein Genuss!
Pure Sternenzeit.
Die Fahrt zum Autorennen war entspannt, auch wenn ich einige Renn-Begriffe innerhalb einer Stunde während der Fahrt im Schnellkursus erlernen musste. Das Rennen war legal.
Tausende Schaulustige eilten herbei um die besten Plätze zu erhaschen. Die Startfahne senkte sich, in Minuten Takt dröhnten die Wagen hintereinander, hinterließen eine grausige Staubwolke und waren plötzlich wieder weg. So sehr, wie ich es versucht habe ein Gefallen an diesem staubig lauten Spektakel etwas Faszinierendes zu finden, so wenig gelang es mir. Rücksichtslos als wären sie durch keinerlei Gesetze kontrolliert, jagten die Rennwagen hintereinander in vollem Bewusstsein, dass sie Sport treiben. Der Gewinner war übermüdet, die Verlierer resigniert und unbeholfen daneben.
Mein Begleiter war begeistert, es ging um Geschwindigkeit, Beschleunigung, duellierende Fahrzeuge, Revanche, Schmach und er konnte sich so richtig freuen und ärgern gleichzeitig.

Er fand es für seine Geschäfte wichtig in der VIP-Lounge mitzumischen und stellte mir wichtige Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, aus der Szene vor.

Julie, merke dir diese Typen. Wenn du irgendwann mal Probleme hast, klopfe bei denen an. Die müssen dir helfen, sie werden gar nicht anders können.

Noch ein kurzer Abstecher mit Smalltalk in der Panorama Lounge, dann hat jede jeden wiedergesehen und mit neuesten Stories unterhalten. Ich fand es eigenartig, ja, sehr amüsant, dass beim Angeben und Flunkern deren Stimmen sich immer weiter nach oben verändert haben, je nachdem, wie professionell sie logen und ihre Geschichten ausschmückten, teilweise sogar eine halbe Oktave höher. Ich stellte mir die flunkernde VIP-Gruppe auf der Bühne vor und mir wäre das Musical heute Abend erspart geblieben.

Mit dieser Beobachtung hat sich mein Nachmittag doch noch gelohnt und sich interessant entwickelt. Doch eine Frage konnte ich mir nicht beantworten: Wieso kommen solche Typen, pardon! „Persönlichkeiten“ zur Macht, Ruhm und Geld mit einem fragwürdigen Geistesniveau. Vielleicht gerade deshalb?

Mein Entdecker mit mir als Schmuckstück und Trophäe im Schlepptau, hat schnell die passenden Bekannten gefunden.
Er behandelte mich wie eine Prinzessin, die gesellschaftlichen Formen waren weites gehend gewahrt. Niemand wusste oder ahnte irgendwelche Einzelheiten. Langsam dämmerte es mir, dass er in der Politik eine wichtige Position einnimmt und bei den Wirtschaftsbossen quasi zu Hause ist. Also, er sahnte ab. Wieviel kassiert er für die Dienste, die ich ihm einbringe? Welche Gefälligkeiten kommen ihm zu Gute?

Das Musical am Abend war für mich nicht mehr als eine quälende Abwechslung. Ich liebte das Thema nicht, die Darsteller nicht und die Location auch nicht.
Die Soiree unweit des Theaters war rührend. Ich lernte einen älteren Herrn kennen, nach einigen Minuten haben wir Freundschaft geschlossen. Er hat seine Firma und darauf folgend seine Familie verloren, dennoch verzweifelte er nicht. Wie konnte die Frau einen gütigen und früher erfolgreichen Mann nur deshalb verlassen, weil er ihr kein Luxus mehr bot, fragte ich mich. Seine elektrisierend funkelnden braunen Augen erinnerten mich an ein scheues Reh, seine freundlich-verbindliche Nähe empfand ich beinahe familiär.

Mein Leben schien perfekt und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb überwältigte mich eine immer stärkere innere, mit Fragen überfüllter Unruhe. Warum hat der Stahlhügel Vorrang? Warum darf ich nie eine Frage stellen? Seit Tagen ist mein Entdecker permanent hier, zurückgezogen in einem separaten Flügel. Ich sehe ihn kaum. Er interessiert sich nur noch für seinen Rechner und einige Stahlhügels, die in sein Büro gehen und recht lange bleiben. Wer ist er überhaupt?
Julie, warum interessierst du dich überhaupt? Sei doch zufrieden mit deinem sorglosen Leben, versuchte ich mir immer wieder einzusuggerieren.
Gibt es irgendetwas, was ich übersehen habe, oder gar sehen müsste? Könnte mir jemand schaden? Ich steigerte mich immer tiefer in Fragen hinein, auf die ich keine Antwort wusste.

Julie, kommst du bitte rüber? Bring das blaue Buch mit, findest du auf dem Mediterran-Tisch, lautete die kurze Einladung meines Entdeckers.
Was werde ich dort sehen? Spieltische, sexgierige Gäste? Oder vielleicht Spießer? Vorsichtshalber entschied ich mich für ein elegantes Kostüm als Outfit.

Neugierig betrat ich sein Büro, ein großer elegant nüchterner Raum mit weißem Mobiliar, silberne Sitzecke. An den Wänden Abbildungen und Grafiken namhafter Persönlichkeiten vergangener Zeiten. Der Graffiti Künstler, den ich mal persönlich begegnete, war auch präsent mit seinem futuristischen Werk an der Frontwand. Der Raum wirkte auf mich, wie eine stumme Reise. Acht Männer saßen am großen, rechteckigen weißen Marmortisch, vertieft in Laptops, vor ihnen imWALL Multitouch großflächige, interaktive Wandprojektionen. Diese Interaktion konnten sie wahlweise entweder durch Bewegung ihres ganzen Körpers oder über ihre Hände arrangieren.
Ich war beeindruckt. Meine Aufgabe war hauptsächlich die Koordination der Gespräche und der organisatorische Ablauf. Die acht Männer stammten offensichtlich aus 6 verschiedenen Kontinenten und wirkten auf mich mit ihrer Mimik, starrer Haltung, schweigsamen Gesten so, als wären sie der weiten Zukunft entsprungen.
Bei näherem Hinschauen sahen sie futuristisch aus. Silberne Maßanzüge mit hochgeschlossenem Stehkragen, lange Silberkette elegant-verwirrend. Alle gleich groß und perfekt durchtrainiert. Den Unterschied unter ihnen machte nur ihre Hautfarbe aus.

Das blaue Buch, das ich immer noch in den Händen hielt, war der einzige Farbenklex in dem Raketenförmigen Raum. Mein Entdecker nahm es mir aus der Hand, legte in die Mitte der Männerrunde und öffnete.
Eine Zeitkapsel kam zum Vorschein. Ohne Zeitverlust fingen alle an, die Daten zu sichern.
Julie, der Inhalt einer Zeitkapsel – erklärte mir kurz – soll in erster Linie Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit zum Leben erwecken. Ist die Zeitkapsel für jemanden bestimmt der zum Zeitpunkt der Füllung noch nicht in der Lage war seine Umwelt wahrzunehmen aus welchen Gründen auch immer, wird sie oder er bei der Öffnung es unglaublich spannend finden, die Utensilien, Gegenstände von damals anzusehen und dabei fest zu stellen, oder auch sich selbst fragen, ob er aus der Vergangenheit lernen kann. Auch der Anlass kann eine wichtige Rolle bei der Auswahl des Inhaltes spielen. Die Zeitkapsel ist ein Geschenk und vor allem hohes, auch gefährliches Gut für die Manipulation der Zukunft.

Ich habe zwar alles verstanden, aber nachvollziehen konnte ich seine Worte noch nicht. Was mir aufgefallen war, ja vielleicht etwas unheimlich wirkte, dass er beim euphorischen Erklären seine Gesichtszüge neu geordnet und seine ganze Haltung enorm kontrolliert hat.
Er sah mich an und bestand darauf sein schweigender Tischgast zu sein.

Niemand störte sich an mich, meine Anwesenheit war fast unbemerkt. Ich hörte aufmerksam zu. Es ging um Lobbyismus. Der Hagere von allen protestierte lauthals und bestand auf die Bestätigung seiner Analyse, in dem er den Grund für den wachsenden Lobbyismus in unserer sogenannten zivilisierten Gesellschaft bei zu schwachen und viel zu freiwilligen Regeln sah. Er sah die Gefahr, dass jene mit dem meisten Geld und den besten Beziehungen die Politik irreparabel beeinflussen, mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft.
Begeistert von seiner eigenen Überzeugung fuhr er fort: Ist das nicht so, dass Macht, Hierarchie, Frieden, Demokratie und Konflikte von den politischen
Machthabern nur nach deren eigener Vorstellung interpretiert und durchgesetzt werden?
Warum werden alle Machtphänomene immer dem Staat zugeordnet und die
Cliquen, Lobbyisten, Diktatoren, führende Politiker sich dahinter verschanzen
können?
Warum versuchen Politiker ihre eigenen Entscheidungen als staatsnotwendig durchzusetzen? Was wünschen sich die Menschen überhaupt?

Ehrlich, enthusiastisch, aber keineswegs theatralisch klangen seine Worte.

Bemerkenswert hob er seine These hervor mit den Worten:
Wir müssen Lobbying transparenter machen, weil wir sie leider nicht verhindern können. Wir brauchen bessere und klarere Regeln. Ohne ein zuverlässiges Lobby-Register wissen wir nicht einmal, wie viele Lobbyisten es in der Welt, nicht einmal in unserer unmittelbarer Nähe wirklich gibt, wie viel Geld sie ausgeben und welche Gesetze sie beeinflussen wollen und werden. Lobbying können und dürfen wir nicht fair und auch nicht offen machen. Wir müssen sie vernichten. Die Menschen müssen sie vernichten.

Er demonstrierte seinen Beitrag durch eine faszinierende Wandprojektion in Form von virtuellen Agenten. Jede Regung wurde notiert und gespeichert ohne Diskussion und zunächst auch ohne Gedankenaustausch.

Mit dem nächsten Vortrag wurde die Wandprojektion von einem glühend aussehenden, dunkelhäutigen Mann betätigt, der bisher vielleicht der aufmerksamste Zuhörer war.
Unglaubliche, ja unbegreifliche Bilder kamen zum Vorschein. Unfassbare Armut, unermessliche Elend zeichneten sich in unaussprechlichen Bildern ab.
Seine Analyse war ein Trauma.
Ich frage euch, fing er an, ohne auf eine Antwort zu warten; wer trägt die Hauptverantwortung für die zunehmend desaströsen
Missverhältnisse zwischen Menschen, Armut, Finanzen, Wirtschaft, Politik? Schaut euch das weltweite Finanzspektrum an. Sprechen wir noch von Finanzen, oder über ein weit verzwicktes System von Lobbyismus, Kalkül, Menschenverachtung und Diktatur über die Macht des Geldes. Finanzen werden benutzt als Druckmittel und Repressalie in der Politik und die Weltfinanz als Basis der Diktatur.

Er sprach leise, seine tiefe Stimme vibrierte samtweich, der silberne Anzug funkelte an seinem Körper. Was für ein Mann.

Wir müssen uns informieren betonte er nochmal, vor allem müssen wir die Menschen mit Bildung ausstatten, damit sie die weltweiten Zusammenhänge besser verstehen können. Dann erst wird der Tag kommen, an dem die Menschen gemeinsam ihre Zukunft und Weltstrukturen selbst gestalten können. Wir werden keine Politiker brauchen, es wird friedlich zugehen. Vernunft, Toleranz und Hilfsbereitschaft werden über die unsäglichen politischen und wirtschaftlichen Fehleinschätzungen der heutigen Zeit triumphieren.

Als er seinen Vortrag beendete, wandte er sich mit flüsternden Worten an mich.
Julie, schenk mir bitte den Abend, ich lasse dich abholen.

Ich habe mich über meine Unbeholfenheit geschämt und nur dezent genickt. Fast unvorstellbar, dass er meine Gedanken lesen konnte.
Eine unaussprechliche Verbindung bestand bereits zwischen uns. Das Gefühl von Nähe und Vertrauen, ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Durch seine samtweiche, erwärmende Stimme habe ich diesen Mann ins Herz geschlossen.

Welche Wirkung hat dieser Mann auf mich?

Nach kurzer Fahrt führte er mich in ein kleineres, sehr schönes Haus. Was ist das hier, was will der Mann von mir? Innerer Kampf, Angst, Herzrasen durchfluten meinen Körper.
Es wurde mir schwindelig.
Ich wurde ohnmächtig.

Wohlig streichelte mich eine vertraute Samtstimme.

– Wie lange hast du im Garten geschlafen, hauchte mich das Engelsgesicht fragend an.
Verzeih mir bitte, meine Garage bekommt ein Stahltor, hat dich der Krach belästigt? Hast du Alpträume gehabt?

Alptraum? Nein Liebster, ein Alptraum war es nicht.

Ich drückte das Engelsgesicht entspannt hingebungsvoll mit voller Sehnsucht an mich:
Bleiben wir bei mir oder gehen wir zu dir?

….